Henry Sibande: Auslandssemester in Deutschland

Henry Sibande ist 21 Jahre alt und lebt als zweitjüngstes Kind mit seinen sechs Geschwistern (drei Brüder, drei Schwestern) und seiner Mutter in einem Township namens Pienaar, außerhalb von Nelspruit. Pienaar bietet für die Jugendlichen nicht sehr viel, sei es im Bildungs- oder Sportbereich. 

Die Primary School begann für Henry 1998 in der “Shishila Primary School”, danach besuchte er die “E.J Singwane Secondary School” und machte dort seinen Highschool Abschluss. Seit 2006 steht seine Familie ohne seinen Vater da – er hat die Familie verlassen. Seine Mutter kümmert sich seither alleine um die Familie – sie ist aufgrund von Hörproblemen leider arbeitslos.

Wir haben Henry Sibande ein paar Fragen zu seinem Aufenthalt hier in Deutschland gestellt:

Seit Deinem 8. Lebensjahr bist Du bei den Scouts aktiv. Was ist das Besondere für Dich am Scouting?

Ich bin seit 1998 ein Scout. Begonnen habe ich als „Cub“, ein Level der jüngeren Scouts. Über die Jahre hinweg waren es die Scout-Meetings, die mir Zugehörigkeit vermittelten. Wir sind alle unterschiedlich, kommen aus verschiedenen Familien, jede mit ihren eigenen Schwierigkeiten, aber wenn wir zusammen am Lagerfeuer sitzen und Pfadfinderlieder singen, sind wir alle gleich. Scouting lehrt uns gute Staatsbürger zu sein und dort eine helfende Hand zu geben, wo es am nötigsten ist. Scouts sind keine egoistischen Menschen. Das Pfadfindergesetz Nummer drei lautet: „Ein Pfadfinder/Scout ist hilfsbereit”. Die Umsetzung hat mich sehr viel gelehrt und hat meine guten Seiten entwickelt und das führte mich zum Erfolg. Durch das Scouting lernte ich vor vielen Menschen zu sprechen, andere Menschen zu respektieren und zu lieben, unabhängig davon, von wo sie stammen und welchen Status sie haben.

Was sind aus Deiner Sicht die Unterschiede zwischen den Scouts in Südafrika und den Pfadfindern in Deutschland?

Pfadfinder sind weltweit gleich. Wir leben nach einem Prinzip, welches besagt, dass wir die Welt besser verlassen als wir sie vorgefunden haben. Die Probleme, die wir in Südafrika haben, unterscheiden sich von denen in Deutschland. Unsere Projekte unterscheiden sich aufgrund der Lebensumstände in denen wir leben. Eine Vielzahl deutscher Pfadfindergruppen haben Finanzmittel um zu helfen oder ein Projekt zu unterstützen und somit ist es leichter für sie. Wir müssen zuerst die Mittel beschaffen, um den Menschen zu helfen, aber es ist wundervoll, denn die Gruppen in Südafrika haben Partnerschaften mit deutschen Gruppen und Organisationen, wie z.B. Nangu Thina, gebildet, welche bereits in vielen Fällen bei der Mittelbeschaffung helfen konnten.

Du hast ein Stipendium des DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst e.V.) und gehst seit dem Wintersemester deinen Studienfächern Psychologie und Deutsch an der Universität in Konstanz nach. Wie kam es zu dem Wunsch im Ausland zu studieren?

Durch Nangu Thina und die Scouts hatte ich 2010 die Chance auf ein Volontariat in Deutschland, für eine Organisation namens “Aktion Tagwerk“, welche in Bonn und Mainz ihren Sitz hat. Wir machten diverse Erhebungen zur Situation in Afrika und wie den Kindern geholfen werden kann. In den drei Monaten habe ich mich in die Leute und ganz speziell in das Land verliebt. Als ich nach Südafrika zurückkam und mich in der Universität einschrieb, boten sie Deutsch als Fremdsprache an und ich entschied mich diesen Kurs zu belegen. Anschließend habe ich mich beim DAAD beworben für ein Auslandssemester in Konstanz. Ich habe davon geträumt, mein Studienfach mehr zu erleben und zu erkunden, und ich bin glücklich, dass es sich erfüllt hat.

Gibt es große Unterschiede zwischen der Universität in Pretoria und der Universität in Konstanz?

Es gibt keine großen Unterschiede zwischen den Universitäten. Der einzige Unterschied für mich ist, dass ich hier in Konstanz alles auf Deutsch studiere, was gut ist zur Verbesserung meiner Deutschkenntnisse. Die Uni in Konstanz ist ein deutlich kleiner, sie hat ca. 13.000 Studenten, während in Pretoria 48.000 Studenten studieren. Ich muss feststellen, dass mir das Kleinere liegt, da es mir ein Gefühl der Zugehörigkeit gibt und ich habe leichten Zugriff auf alles was ich brauche. Was mir auch gefällt, ist die Tatsache, dass man hier nicht für sein Studium bezahlen muss. In Südafrika ist Ausbildung teuer und ohne staatliche Förderung wäre es mir dort nicht möglich die Universität zu besuchen.

Was erwartest/erhoffst Du Dir von deinem Auslandsaufenthalt in Deutschland?

Zuerst erwarte ich mir eine Verbesserung meiner Deutschkenntnisse. Ich hoffe hier viele Freunde und ein Netzwerk zu finden. Ich bin wissbegierig nach den verschiedenen Blickwinkeln meiner Professoren, denn ich weiß, es wird mich in meinem Studienfeld differenzieren. Ich erwarte mir mehr Wissen. Und ich erwarte mir eine Menge Schnee, da wir diesen in Südafrika nicht haben.

Welche beruflichen Pläne hast Du für deine Zukunft?

Bevor ich Deutschland verlasse, werde ich nach Düsseldorf gehen. Dort absolviere ich ein zweiwöchiges Praktikum in einer psychiatrischen Einrichtung Ich habe den Traum 2014 nach Deutschland zurückzukehren für meinen Master-Studiengang. Wenn das klappt, möchte ich den Master in Wirtschaftspsychologie machen. Mir würde es gefallen, in einem Unternehmen zu arbeiten und zu helfen, deren Produkte zu verkaufen. Das Wirtschaftsumfeld ändert sich ständig und mir gefallen die daraus resultierenden endlosen Möglichkeiten. Ich würde gerne für eine große deutsche Firma arbeiten, z.B. Mercedes Benz, BMW, Allianz, Metro usw. – die Liste ist endlos. Unabhängig davon, würde ich auch gerne daheim Vorlesungen an Universitäten halten und mit anderen teilen, was ich hier gelernt habe. Ich liebe es zu sagen “To build a nation, educate the mind”.